Tage eines Sommers |1

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59 Tage am anderen Ende der Welt.

Klingt nicht lang, ist es auch nicht. Trotzdem lang genug, um ganz neue Erfahrungen zu sammeln.

Ich bin seit sechs Tagen in Guadalajara, Mexiko. Bin hier, um Zeit mit meinem Freund zu verbringen und in einem sozialen Projekt mit Kindern zu arbeiten. Die Tage vergehen schnell, trotzdem kommt mir die Zeit hier wie eine halbe Ewigkeit vor. Ich habe die letzten Tage noch nicht gearbeitet, da ich erst meinen Horario, also meinen Dienstplan bekomme, weshalb ich viel Zeit hatte, nachzudenken und die bisherigen Eindrücke zu verarbeiten.

Ich bin nicht zum ersten Mal hier, aber dieses Mal fühlt es sich ganz anders an. Wahrscheinlich, weil ich nicht bloß zum Vergnügen und Urlaub da bin, sondern wirklich einen normalen Lebensrhythmus und Alltag finden will. Gerade das fällt mir aber unglaublich schwer. Zum Einen, weil ich die Sprache nicht perfekt beherrsche und mich deswegen immer ein bisschen unsicher fühle. Zum anderen, weil ich in Guadalajara als blondes, großes Mädchen mit blauen Augen eher Rarität bin und man mich deswegen nie vergessen lässt, dass ich eine Fremde bin. Es ist nicht so, dass mich das stört, ich grenze mich gern ab, aber dadurch bekomme ich auch nicht die Gelegenheit, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln und mich ein bisschen zuhause zu fühlen. Heißt, ich vermisse Wien. 

Ganz anders als in Wien, war es hier die letzten Tage meistens eher kühl, was an den täglichen Regenschauern liegt. Auch wenn sich die Sonne meist doch noch heraus traut und es für einige Stunden warm wird, hat sich bisher gar kein Sommergefühl breitmachen können. Dieser schnelle Wechsel von heiß zu kalt und von regnerisch zu staubtrocken ist mir total neu und lässt mich morgens oft fragend vor dem Kleiderschrank stehen.

Kurz, Mexiko ist ein Land der Gegensätze. Nicht nur im Bezug auf das Wetter. Gerade in der Bevölkerung zeigen sich Widersprüche, die so krass sind, dass es mir schwer fällt, sie zu verarbeiten. Fährt man auf der Schnellstraße, kann es sein, dass neben Dir ein Einheimischer mit Boots und Hut am Pferd reitet. Hältst Du an einer Kreuzung, wäre es ungewöhnlich, wenn Dich nicht Verkrüppelte, Kinder oder gänzlich abgemagerte Menschen anbetteln. Mein Freund hält deswegen immer Kekse oder Münzen bereit, die er ihnen durch das Autofenster zusteckt. Dieser großen Armut, die sich auch in Zeltbehausungen oder undichten Hütten zeigt, steht eine unglaublich groß zelebrierte Konsumwut gegenüber. Riesige Villen, von hohen Zäunen und Stacheldrähten umgeben, teure, große Autos, die funkelnagelneu sein müssen und Einkaufstempel, in denen sich die Schickeria trifft, lassen die traurige Realität schnell mal vergessen. Man fühlt sich wie in den USA, die gleichen Marken, die gleichen Geschäfte, die gleichen Produkte. Auch der Stil ist ziemlich ähnlich, heißt, alles, was funkelt und glitzert, wird bevorzugt getragen – von Mann und Frau. Noch ein Grund, weshalb ich mich hier wie ein Fremdkörper fühle. Dieses große Ausführen von Bling-Bling ist in Wien, ich glaube, in den meisten Städten Europas, eher undenkbar. Ich fühle mich hier also richtig schlicht. Teilweise sogar ein bisschen bieder.

Mein Wunsch, möglichst clean einzukaufen, also fair produzierte Kleidung und Accessoire, wird wohl nicht ganz einfach sein. Weshalb es mir umso mehr leid tut, dass ich mich beim Packen ein bisschen vertan habe – statt heißem Sommer hat man eher frischen Frühling.

Neben all diesen sozialen Unterschieden, die mich ein wenig mitnehmen, habe ich bereits einige sehr schöne Seiten Guadalajaras sehen können. Vom Mirador aus hat man zB. einen herrlichen Blick auf die Fauna des Landes, die viel grüner ist als angenommen. Auch die Altstadt mit ihren alten, bunten Häusern und einer gewissen Tendenz zur Frankophilie, die sich nicht nur in Bauten, sondern auch in zahlreichen kleinen Bistros und Cafés zeigt, hat einen ganz eigenen Charme.

Kathedrale bei Nacht

Und endlich ein bisschen mehr Zeit mit meinem Freund zu verbringen, der mir übrigens diesen herrlichen Strauß Blumen zum Geburtstag geschenkt hat, ist sowieso wunderbar.

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