Ecuador [Ein Reisebericht]

Ich lag wach. Die ganze Nacht. Mein Herz pochte so heftig und unregelmäßig, dass es aus meinem Körper springen zu wollen schien. Hunderte Gedanken kreisten durch meinen Kopf und ich mit ihnen in einem unaufhörlichen Strudel der selben Fragen. Was, wenn sie recht hatten? Wir dort als große blonde Europäer gefundenes Fressen wären? Wenn nicht überfallen, so zumindest bestohlen? Zwei leuchtende Reklametafeln die Geld und Wertgegenstände versprachen.

Meine Nervosität ließ auch am nächsten Tag nicht nach. Vormittags führte uns mein Vater zum Flughafen Fort Lauderdales und wir checkten unser Gepäck ein. Bereits Tage zuvor hatten wir alles, was uns zu schwer oder wertvoll erschien, an unseren Vater übergeben, sodass er es heil nach Wien transportieren konnte und wir uns nicht sorgen mussten. Nach ein paar letzten Abschiedsworten und eher hilflosen als hilfreichen Tipps meines Vaters, wie wir uns zu verhalten hätten und wo besondere Vorsicht geboten sei, bestiegen mein Bruder und ich eine kleine Maschine und machten uns auf den Weg nach Ecuador.

Erst in Quito, wo wir heil und mit vollständigem Gepäck angekommen waren, ließ meine Anspannung langsam nach. Ich entspannte mich als ich sah, wie normal der Flughafen aussah. Keine Spur von Armut, von dritter Welt oder gar anderem Universum. Die Leute waren zwar kleiner und dunkler, aber umso freundlicher und hilfsbereiter. Nach einem sehr verspäteten Frühstück von Obst, das ich niemals zuvor gesehen hatte, geschweige denn auszusprechen wusste, und der köstlichsten Kokosmilch allerzeiten, nahmen wir einen weiteren Flug, um endlich und völlig übermüdet in Cuenca, vorläufigem Ziel unserer Reise, anzukommen.

Dort empfingen uns jubelnd und mit vielen Umarmungen zwei große Alpakapullover, die unseren Freunden wie angegossen saßen. Wir waren jetzt zu viert. Vier Österreicher – zwei davon, um ein Jahr ehrenamtlich in einer katholischen Comunidad zu arbeiten, und die anderen beiden, das waren wir, von Fernweh und Neugierde bis ans Ende der Welt getrieben. Das komische war, ich fühlte mich schlagartig wie zuhause.

Wir verbrachten eine Woche miteinander. Lachend, tanzend, singend, aber auch arbeitend. Um einen richtigen Eindruck vom Alltag in Cuenca zu bekommen, wollten wir abseits von Sightseeing und Wanderungen in den Anden die richtige vida ecuadoriana erleben. So halfen wir fünf Tage lang in einem Projekt mit, das sich Kindern von der Straße und aus sozial benachteiligten Familien annahm. Das waren viele Kinder, die laut waren, die lieb waren, die Liebe wollten und auch so viel zu geben hatten. Wir machten mit ihnen Hausaufgaben, spielten gemeinsam Spiele, ließen uns die Haare flechten und von früh bis spät bestaunen – blaue Augen, helle Haut und Haare waren wohl das großartigste, das wir ihnen mitbringen konnten.

Diese Tage waren eine der wunderschönsten, freisten und aufregendsten, die ich in meinem Leben bisher verzeichnen konnte. Der Abschied war dafür umso schwerer. Von den Kindern, die man nach nur fünf Tagen schon so ins Herz geschlossen hatte, dass man sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Von der Stadt, die in ihrem kolonialen Charme so viel Wärme und Geschichte ausstrahlte. Und ganz besonders von den beiden noch viel lieb gewonneneren Freunden, die noch ein halbes Jahr in Ecuador vor sich hatten.

Doch die Reise war geplant und es blieb uns nichts übrig, als der Höhenstadt in den Anden den Rücken zuzukehren.

Nächste Etappe unserer Reise sollte nun etwas ganz anderes sein, nämlich der ecuadorianische Dschungel. Vor diesem Teil der Reise zitterten zurückgelassene Freunde und Familie ganz besonders. Es würde für uns an die Grenze zu Kolumbien gehen und aus Zeitungsberichten kannte man daher bloß die Farcs. Wir würden keine Telefonverbindung haben, was drei Tage Sendepause nachhause bedeutete.

Mitten im Dschungel, umgeben von wilden Tieren zulande und zuwasser war keine beruhigende Aussicht. Schon gar nicht, wenn sich der eine oder andere Farc in meine Nähe verirren könnte. Doch auch hier waren Sorgen und Ängste umsonst. Die Tage im Dschungel waren ruhig und gleichzeitig so laut. Ruhig, weil der Kontakt zur Außenwelt schlagartig abgebrochen war und wir uns in einer Gruppe von 12 jungen Leuten wirklich auf uns allein gestellt sahen. Laut, weil der Dschungel nie schlief. Schreie von Insekten, Vögeln, Affen und noch vieler unbekannter Tiere mehr drangen unaufhörlich an mein Ohr und wurden zu einem alles begleitenden Soundtrack. Ich hörte ihn bei den fantastischsten und mit einer Kamera kaum einfangbaren Sonnenuntergängen, bei Nachtwanderungen quer durchs Dickicht, auf der (Photo)Jagd nach Kaimanen und beim Schlafen unter riesigen Netzen von Taranteln. Immer und überall.

Aber auch diese Tage nahmen ein Ende und nach einer zweistündigen Kanufahrt, weiteren drei im Bus und einem vierzigminütigen Flug fanden wir uns mitten in Quito in der Zivilisation zurück. An diesem Abend war nicht mehr als ein kurzes Kennenlernen der neuen Reisegruppe und einige Es geht uns gut-Whatsapp-Nachrichten an die Zurückgebliebenen drinnen. Denn am nächsten Morgen sollte uns unsere Route bereits sehr früh auf die Galapagosinseln führen. Diese Inseln, die ein einziges Naturschutzgebiet sind, boten vermutlich mehr als so mancher Wasserzoo: Schildkröten an Land, aber auch im Wasser. Seelöwen, die am Straßenrand, auf Parkbänken oder auch im kühlen Schatten eines Baumes ihr Faulenzertum zelebrierten. Vögel mit quietschblauen Füßen, die den für englischsprachige Touristen sehr unterhaltenden Namen Boobies trugen. Aber auch Delphine, Mantarochen, die aus dem Wasser sprangen und Salti vorführten, sowie abertausende Leguane, die eher wie verwunschene Drachen aussahen, konnten wir in freier Wildbahn bestaunen. Es war fantastisch. Gleichzeitig aber absolutes Kontrastprogramm zu den in Cuenca erlebten Tagen. Auf den Inseln war der Tourismus die größte Einnahmequelle, weshalb nicht nur das Preisniveau ein ganz anderes, sondern auch die Atmosphäre viel weniger echt ecuadorianisch war. Gerade auf den Naturschutzinseln fehlte uns das Naturbelassene. Nicht in der Landschaft, auch nicht in den Tieren, aber im Umgang und der Lebensweise der Menschen.

Unser Herz war immer noch in Cuenca, wir selbst aber beinahe auf dem Heimweg. Die letzte Etappe dieser Wochen in Ecuador war Quito selbst. In Quito, der Stadt mit den meisten Steigungen und Senkungen, die mir bekannt ist, fühlten wir uns von Anfang an wohl. Wir wohnten mitten im Zentrum, das wunderschöne Häuser im Kolonialstil beherbergte, beeindruckende Kirchen an den überraschendsten Ecken versteckte und auch sonst eine unheimlich sprechende und Geschichte(n) erzählende Stadt war.

Wir wollten bleiben. Und mein Bruder blieb.

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