Clémentine

Clémentine war ein Kind der Sonne. Ihre goldenen Locken hüpften wie kleine Sprungfedern auf und ab, wenn sie sich bewegte und wenn sie lachte, kräuselte sich ihre Nase, so dass die vielen kleinen Sommersprossen in ihrem ganzen Gesicht zu tanzen schienen. Sie lachte viel und verbreitete dabei so viel Wärme, dass sie auch ihre Umgebung mit ihrem frohen Wesen ansteckte.

Ich sah sie täglich am Morgen, wenn sie Kaffee ausschenkte, mit den verschlafenen und griesgrämigen Kunden scherzte und dabei in ihrem gelben Kleid durch das alte Café tänzelte. Sie sah dabei so anmutig aus, dass ich mich oft ertappte, einen Moment inne zu halten und von der anderen Straßenseite durch das große Fenster zu starren. Ob sie mich jemals auch sah, kann ich nicht sagen, meinen Blick erwiderte sie nie.

Eines Morgens, als ich nach einer längeren Nacht in meinen Büchern noch im Halbschlaf in meine Hose schlüpfte, drei Anläufe brauchte, um mein Hemd richtig zu knöpfen und schließlich in großer Hast mit Zeitung unter dem Arm und einem Stück trockenen Croissant zwischen den Zähnen in die Arbeit eilte, sah ich sie nicht.

Den ganzen Tag hindurch fehlte es mir an Konzentration, die Briefe, die ich zu bearbeiten hatte, stapelten sich unberührt und durch das monotone Stempeln meines Kollegen am anderen Schalter verfiel ich in eine Trance, aus der ich erst am Heimweg wieder erwachte.

Ich kam am Café vorbei, das bereits geschlossen hatte und in dem Marie, die etwas ältere Kollegin Clémentines, bei schummriger Beleuchtung die letzten Zuckerstreuer befüllte. Wie gebannt blieb ich vor der Eingangstür stehen und beobachtete, wie der Zucker langsam in die gläsernen Streuer rieselte. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich plötzlich die Tür und Marie stand direkt vor meinem Gesicht. Sie hätten bereits Feierabend, ich solle also nicht wie angewurzelt vor der Eingangstür stehen. Was ich denn noch so spät wolle, fragte sie schnippisch. Ich war überrumpelt. Meine Gedanken kreisten alle nur um Clémentine, ich rechnete nicht damit, auf Marie zu treffen. Doch das war meine Chance. Ich sammelte all meine Kraft, um die eine Frage, die mir schon den ganzen Tag auf den Lippen brannte, zu formulieren, jedoch weigerte sich meine Zunge, sich auch nur einen Millimeter von ihrem gewohnten Platz zu bewegen. Mit viel Mühe und in größter seelischer Not brachte ich schließlich ein knappes Nichts hervor und stapfte benommen davon.

Auch am nächsten Tag sah ich sie nicht. Es war ein Samstag und normalerweise kam ich erst gegen zehn Uhr, am Weg zum Bauernmarkt, an dem kleinen Café vorbei, doch heute war ich bereits um sechs hellwach und hielt es keine Sekunde ruhig aus. Bis sieben Uhr zog ich mich dreimal um, putzte mir zweimal die nun gänzlich von Plaque befreiten Zähne und durchsuchte mein Haar auf grauen Zuwachs. Doch dann hielt ich es nicht mehr aus in meiner kleinen Wohnung, deren Wände mich erdrücken zu wollen schienen. Ich schlenderte so langsam wie möglich Richtung Café, war aber keine zehn Minuten später vor verschlossener Tür. Niemand war da, das immerzu belebte Café schien absolut verlassen. Mich ergriff eine stille Panik, Clémentine war nicht da. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und ging, ohne zu wissen wohin. Ich lief und lief, immer schneller, bis mir die Puste ausging, ich eine Pause zum Verschnaufen einlegte, mich vorn über beugte, meine Schmerzen noch schlimmer wurden, und ich schließlich in einer unerträglichen Hast weiterlief. Gedanken schossen durch meinen Körper, wie Blitze, doch ich war nicht mutig genug, auch nur einen gründlich zu analysieren. Ich weiß nicht, wie lang ich so dahinlief, jedoch stieg die Sonne immer höher an und es waren sicherlich bereits Stunden vergangen, seit ich das Haus verlassen hatte. Plötzlich streikten meine Beine und ich hielt abrupt an. Ich sah mich um, hatte aber nicht die leiseste Ahnung, wo ich war. Vor mir das unendliche Meer, um mich herum nichts als weite, weiße Sanddünen. Von meinem heimatlichen Fischerdorf nicht die geringste Spur.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich auf einmal etwas Rotes in der Ferne leuchten sah. Von der Sonne bestrahlt, glänzte dieses rote Etwas in allen Kupfertönen und hob sich grell vom blauen Hintergrund ab. Meine Füße konnten nicht anders als mich immer schneller zu diesem unbekannten Leuchten hinzutragen und je näher ich kam, desto sicherer war ich, dass es sich um den rotgoldnen Schopf handelte, nachdem sich jede Faser meines Wesens verzehrte.

Ich lief immer schneller durch den brennend heißen Sand bis ich nur noch wenige Meter entfernt war und rief ihren Namen. Die lodernde Mähne drehte sich um und ein nur allzu bekanntes, zauberhaftes Gesicht sah mich an. Sie stand in ihrem gelben Kleid, das im Wind so lebendig wehte, im Wasser und die Wellen umschlugen ihre nackten Beine. Sie erwiderte nichts. Neuerlich ergriff mich Panik. Ich schrie ihren Namen aus vollster Verzweiflung, fragte sie, was sie da täte, doch ein Teil von mir wollte die Antwort nicht wissen.

Ich gehe ins Meer zurück. – Ruhig und feierlich sah sie mich an.  Mein Gesicht verzerrte sich und blankes Entsetzen erwachte in mir. Ich wollte sie aus dem Wasser zerren, in meinen Armen und in Sicherheit wissen, aber eine unsichtbare Kraft hielt mich zurück. Sie wandte sich von mir ab und ging Schritt für Schritt tiefer in die Fluten. Das letzte was ich von ihr sah, war ihr rotes Haar, das vom Meerschaum umspielt, gegen den Himmel strahlte. Sie war fort. Und ich blieb alleine am Strand zurück.

 

India Betty Magazine Kopie.jpg

Advertisements