The Yellow Song.

Ich war spät dran. Ausgerechnet heute. Den Wecker traf keine Schuld. Er klingelte. Doch mein Körper wollte ihn nicht hören. Endlich hatte er wieder Ruhe gefunden, nachdem er wochenlang kaum zur Rast kam. Ich stand auf und war wie benommen. Eine Nacht Schlaf konnte die zig davor, die ich wach verbrachte, nicht vergessen machen. Für mehr als eine schnelle Katzenwäsche und einen Schluck Kaffee blieb keine Zeit. Ich schlüpfte in ein Hemd, das noch auf der Couch lag, nicht wissend, ob es frisch oder alt war, zog mir meine Hose an und kämmte mir rasch mein Haar. Mit Aktentasche und Zeitung unter dem Arm hastete ich vor die Tür.

Mich traf der Schlag. Es schüttete wie in Strömen, bis zur Bahn bliebe kein Zentimeter von mir trocken. Im Büro kein Wechselgewand, aber nass konnte ich unmöglich bei der Präsentation auftauchen. Bevor ich in Panik geraten konnte, bog ein gelbes Auto um die Ecke und ich sah meine Rettung. Ich winkte den Fahrer heran und machte einen großen Satz auf den alten Skoda zu, um den Regentropfen zu entwischen. Es gelang mir fast, unbehelligt die Tür zu erreichen, ich stieg ein und gab ihm meine Direktion.

Wortlos fuhr er an und ich verlor mich in meinen Gedanken. Es musste heute einfach klappen, ich hatte so lang auf diesen Tag hingearbeitet, eine Enttäuschung konnte ich mir nicht erlauben. Nicht nur mein berufliches Leben hing am seidenen Faden, sondern auch die Arbeit mehrerer Monate. Ich war immer bereit, für meine Karriere Opfer zu bringen, doch die letzten Tage und Wochen waren mehr als das. Ich arbeitete pausenlos, schlief kaum, und anstatt Blut pumpte Kaffee durch meine Adern. Meine Freunde hatten schon aufgegeben, nach mir zu fragen, was mir sehr gelegen kam, denn aus ihrem Verständnis war längst Resignation geworden. Auch meine Familie hatte ich lange nicht gesehen und konnte mich nicht einmal mehr an das letzte Telefonat mit meiner Mutter erinnern. Doch ein Ende war in Sicht. Mit heute 12 Uhr würde ich aus dem Raum gehen und innerlich über meine Beförderung jubeln. Oder mich nach einem neuen Job umsehen. Was auch geschehen würde, bald war es vorbei. Der Tod meines sozialen Lebens wäre überwunden und ich könnte wieder auferstehen. Dieser Gedanke war neu, ich hatte ihn davor nicht zu denken gewagt, doch er entspannte mich unheimlich. So sehr, dass ich mich plötzlich wie auf Wolken fühlte. Es war wie ein Traum, den ich noch nie zuvor geträumt hatte, sich aber unsagbar vertraut anfühlte.

Ein Quietschen riss mich aus dem Träumen und ich fand mich plötzlich in dem kleinen, gelben Taxi zurück. Der Mann sah mich mit vor Schreck geweiteten Augen an. Er hatte am Straßenrand angehalten, doch ich wusste nicht, wo wir waren. Es regnete so stark, dass die Fenster zu einem undurchsichtigen Gefängnis geworden waren. Er sah mich immer noch an, gab aber keinen Laut von sich. Ich fragte ihn, was geschehen sei und er begann zu zittern. Ganz langsam, dann immer mehr, bis sein ganzer Körper wie Eschenlaub bebte. Mit brechender Stimme begann er zu flüstern. Immer wieder das selbe Wort, das ich nicht verstand. Das Wasser prasselte gegen die Scheiben und ich war so überrascht, dass ich einige Momente brauchte, um aus seinem Flüstern „Lied“ herauszuhören. Ich verstand nicht. Konnte ich verstehen? Sein Blick wurde glasig und er schien durch mich hindurchzusehen. Ich sammelte mich und versuchte so ruhig wie möglich zu fragen, was er meinte. Er deutete auf mich und sagte „Du hast gesungen“. Ich wusste nicht, wovon er sprach und sah ihn verdutzt an. Er sah meine Ahnungslosigkeit und ein Schmerz durchzuckte sein Gesicht. Dann begann er zu summen, zuerst ganz leise, dann immer lauter und erregter. Ich brauchte einige Sekunden, um es zu erkennen. In meiner Jugend war es mein Lieblingslied, vor jeder Prüfung, jedem Test und jedem Bewerbungsgespräch hörte ich es pausenlos, um mir Mut zu machen. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich es gesummt hatte. Er schon. Und für ihn war es ein lang ersehntes Universum, das ich ihm heute so unverhofft brachte.  Die einzige Erinnerung an seine Mutter. Jahrelang hatte er nach dem Titel gesucht, ihn aber nie erfahren. Es handelte sich um eine relativ unbekannte Variation eines Rocksongs der 70er, der von Sonne und Freiheit handelte. Sofort wollte er Titel und Interpret. Ich gab sie ihm.

Das, was später an jenem Tag geschah, ist mittlerweile nicht mehr von Wichtigkeit.  Die Vergessenheit hat sich seiner Geschehnisse gierig bedient und alle verschlungen. Man mag mir Sentimentalität vorwerfen, an einem damals von so viel Druck und Emotionen aufgeladenen Tag, eine solche Begegnung als einzige Erinnerung behalten zu haben. Doch zog dieses Erlebnis mehr Effekte mit sich, als eine geschenkte Autofahrt und eine Vorliebe für gelbe Skodas. Der alte Fahrer hing genauso am Leben wie ich. Er suchte verzweifelt nach Spuren seiner Mutter, ich nach materieller Erfüllung. Zwar mag das eine ehrenhafter als das andere wirken, doch letztlich sind beide Verkörperungen irdischer Haftung. Und so befreite ich mich. Von allen Zwängen, allem Druck und allen selbstauferlegten Lebensvorstellungen. Ich begann, die Farben von Musik zu sehen und den Geruch der Worte zu erkennen. Ein buntes Spektrum an Sinneseindrücken, die mir bis dahin verborgen waren, tat sich in mir auf, das mich tiefer und tiefer in das Auge seines Strudels zog. Ich konnte schmecken, was ich zuvor noch nie gerochen hatte, ich konnte fühlen, was ich niemals auch nur wahrzunehmen vermeinte. Mein Verstand öffnete sich und übersprang die Begrenzung menschlicher Dimension. Plötzlich sah ich die Endlichkeit des Fassbaren und die Unendlichkeit des Geistes. Und damit verstand ich das Nichts. Nichts, der Ursprung jeden Seins. Nichts, Ziel und Ende jedes Bemühens. Nichts, ein Song in Gelb. Und nichts, die große Liebe. Es gab nichts, es war nichts, es ist nichts und es wird nichts geben. Wir alle sind nichts, die glauben, etwas zu sein. Und darin liegt unser Fehler, denn letztlich sind wir nichts.

cab

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