Wodka w/ Radieschen

Ich war high. Und betrunken. In einer großen Altbauwohnung, rappelvoll, saß ich zwischen schwitzenden Körpern, die Musik dröhnte aus großen Boxen hinter uns und mangels besserer Mischgetränke, schlürften wir Wodka, gestreckt mit Zitronensaft und Radieschen. Eine kuriose Kombination, die überraschenderweise köstlich, erfrischend und unkonventionell schmeckte. Die Luft stand und die ersten begangen sich auszuziehen. Ästhetische Körper, die sich rhythmisch und mittlerweile halbnackt zum Beat bewegten. Einer strotzte nur so vor Selbstvertrauen und Hedonie, sprang kurzerhand zwischen meine Freundin und mich und schenkte uns unaufgefordert einen Lapdance. Amüsiert über diese Hemmungslosigkeit, kamen auch wir in Stimmung und schlossen uns dem orgischen Tanz an. Immer lauter wurde der Gesang, die Drehungen schneller, wir schwebten und vergaßen alles um uns herum. Adriano Celentano stimmte gerade zum finalen italiano vero an, als uns laute Schreie aus der Trance rissen: Die Polizei stand vor der Tür und hielt uns in voller Montur zur Räumung der Wohnung an. Die erste Anzeige war erstattet, bevor der letzte die Türschwelle übertrat. Die zweite konnte der Gastgeber mit einem verlegenen Lächeln und seinem charmanten Südtiroler Akzent gerade noch abwehren. Wir sammelten uns auf der Straße, deren laue Luft uns lang ersehnte Abkühlung brachte. Doch auch dieser Genuss war von kurzer Weile, da uns kurz darauf Stimmen aus dunklen, hoch über uns liegenden Fenstern zum Gehen anhielten. Sie klangen nach Mundl und Kaisermühlen, weshalb wir wenig Anstalten machten, uns fortzubewegen. So sah sich die staatliche Gewalt neuerlich verpflichtet, einzugreifen. Beleidigungen fielen, höhnisches, halb unterdrücktes Gelächter folgte, mit Anwälten wurde gedroht. Umgekehrt wiederum mit einer neuerlichen Anzeige. Und einem Ausflug aufs Revier. Der Gastgeber hielt sich an mir oder ich mich an ihm. Wir stahlen uns zum Zigarettenautomaten, der Versuchung von Menthol erliegend. Sahen plötzlich einen Van vor uns fahren, jagten ihm nach und sprangen bei offener Tür ins Auto. Ausgelassen singend fuhren wir ins rote Viertel Wiens. Bargeldlos kam dem Südtiroler und mir eine Idee. Nein, die Idee war meine, herausfordern wollte ich. Ob er sich traute, den fünf Meter hohen Zaun zu überklettern. In den Reigen unterm Himmel einzubrechen. Unerwischt bleibend. Er sah mich an, seine Augen leuchteten. Er machte einen Satz und war bereits auf halber Höhe. Flink kletterte er über den Zaun, der das Gewicht kaum zu tragen schien, ließ sich auf der gegenüberliegenden Seite in einen Baum fallen und schwang sich geschickt in ein ästernes Versteck. Mit einem halbverwegenen Grinsen fragte er, ob ich das auch könnte. Oder er zurückkommen müsste. Bevor der Satz vollendet war, hatte auch ich den höchsten Punkt des Zauns erreicht, schwang mich in die Äste des Baumes und sprang. Ich landete grazil wie eine Katze und machte mich klein. Ein Scheinwerfer leuchtete in unsere Richtung. Wir harrten aus. Das Adrenalin kündigte sich in meinen Adern an, hatte aber keine Zeit auszubrechen, schon kam ein kleiner, indischer Wächter, der uns forsch aufforderte, den Grund zu verlassen. Eine unverhoffte Geistesgegenwart ließ mich ihn bezirzen und ich verkaufte ihm die Geschichte eines langjährigen Paares und einer nach Aufregung lechzenden jungen Frau. Er gab wenig darauf, eskortierte uns grob nach draußen und wollte uns Konsequenzen spüren lassen. Doch wir liefen. Schnell, immer schneller, mitten in das Dunkel der Bäume. Er versuchte uns zu folgen, gab nach einigen Metern jedoch erschöpft auf. Ich drängte mich in den Stamm einer hohen Eiche. Er nach. Wir fassten uns an den Schultern, konnten unser Glück kaum fassen. Dem hatten wir schön auf der Nase herum getanzt. Meine Freude an unserem Lausbubenstreich pushte mich. Wir gingen zurück in den Club, diesmal legal, schossen Fotos in einer alten Box und tanzten mit den Unsrigen stundenlang unter freiem Himmel. Meine Freundin und ich entdeckten eine Bühne mit einer metallenen Stange. Mein Ego lies mir keinen Raum für Zweifel. Ich stürzte hinauf und zog sie hinter mir nach. Oben bewegten wir uns zum Rhythmus der Musik, lebten unsere Körper, liebten unsere Körper. Waren stolz, erregt, im Rausch der Sinne. Wir holten Freunde dazu, machten aus der Selbstbeweihräucherung eine Gruppeninszenierung. Freuten uns, lachten und fühlten uns unendlich nahe. Plötzlich zog mich eine Hand ins Freie, drückte mir ein Glas Wasser in die meine und gab mir Kühle nach dem hitzigen Spiel. Er setzte mich auf ein Gitter und übermütig lies ich mich kopfüber nach hinten fallen. So baumelte ich daran, wollte meine Akrobatik testen. Es machte Spaß, einfach nur in der Luft zu hängen. Die Welt verkehrt zu sehen und sich gehen zu lassen. Doch der bereits bekannte Türsteher erfasste unser Bild und stürmte auf uns zu. Blitzartig sprangen wir in die Menge und verloren uns. Waren aber sicher. Ich fand meine Freundin wieder und noch mehr aus unserem Kreis. Wir tanzten gemeinsam, bewegten uns unaufhörlich und schrien bei jedem Lied neuerlich vor Freude auf, ein Hoch dem Dj. Mit der Zeit verlor sich jedoch die Euphorie und die Müdigkeit nahm ihren Platz ein. Meine Freundin und ich, wir wollten gehen. Hatten Hunger. Und entschlossen uns mit anbrechendem Morgen zu einem Spaziergang unter Vogelgezwitscher durch den Würstelprater. Frühstück war das Ziel. Nach einer gut halben Stunde Fußmarsch und unermüdlich dahinsprudelnden Gesprächen kamen wir am erhofften Essenstempel an. Eine Fastfoodkette am Schwedenplatz. Entsetzt stellten wir fest, dass sie verschlossen und verlassen dem anbrechenden Tag frönte. Umso freudiger dann die Überraschung, dass die zwei Spaßvögel vom Abend keck auf ihren Fahrrädern auf uns zu warten schienen. Sie hießen uns aufspringen und fuhren zu der Freundin – mit dem Plan eines Festessens im Kopf. Es wurde gekocht. Es wurde gegessen. Wir lagen am kalten Fußboden der Küche. Mittlerweile war der morgen längst über uns hereingebrochen und die Uhr tickte drohend der Stunde meiner Prüfung entgegen. So ging ich, mit leerem Kopf, der selbst noch den Rausch lebte.

 

sarashakeel

Das Bild stammt von Sara Shakeel, die unter @sarahshakeel einen ausgesprochen schönen wie kreativen Instagramaccount hält. 

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