Howl

Ich kenne Dich. Deine Art zu gehen, Deine Art zu sehen und zu beobachten. Ich weiß, wie Du Deine Hände immerfort knackst und warum Du es tust. Ich erkenne Dich bereits von der Ferne an Deiner Haltung, und weiß, dass Du kommst, nur wenn ich Deine Schritte höre. Ich spüre Deine Nähe, auch wenn Du nicht da bist. Und sind wir länger getrennt, träume ich von Dir und sehe, was Du tust. Ich sehe auch, was Dich bewegt, was Du denkst und wie es Dir geht. Ich weiß nicht warum, aber Du bist mir ein offenes Buch. In dem ich mich trotzdem oft verlesen habe. Nicht weil ich nicht anders konnte, sondern weil ich es so wollte. Ich wollte Dich so, wie ich Dich sehe. Nicht so, wie Du manchmal immer noch bist. Die beste Version sah ich in Dir. Nicht immer die eigentliche. Das gehört aber zu mir, immer nur das Beste sehen zu wollen, alles andere auszublenden. Manchmal schadet es mir, oft macht es die Welt viel schöner. Und Dich wollte ich immer nur in der reinen, strahlenden Pracht Deiner selbst sehen. Die dunkle, grüblerische und unreflektierte Seite ignorierte ich.

Jetzt sitzen wir hier. Ich, verletzt, zerrissen, enttäuscht. Du enttäuscht, verletzt und zerrissen. Dein Ego hat sich unserer ermächtigt, gewütet, verwundet. Nicht aus einer heiteren Laune heraus, nein, das wissen wir beide. Leicht war es nie zwischen uns. Wir lebten stets im Extrem: Extreme Freude, extremer Ärger. Extrem viel Zeit mitsammen und extreme Intimität. Dir wurde das zu viel. Mir auch. Du bekamst kalte Füße, fühltest Dich zu jung für so viel Ernst. Ich spürte das und wurde unsicher. Was wollten wir von einander? Das weiß keiner so genau. Vielleicht Seelenverwandtschaft. Vielleicht Abhilfe gegen die innere Einsamkeit. Nach dem Motto: zusammen ist man weniger allein.

Also brachst Du unsre Intimität. Zunächst langsam, schleppend, dann aber ganz schön abrupt. Du belogst, hintergingst und vertrautest Dich jemand anderem an. Sahst plötzlich alles in ihr. Wenig in mir. Wolltest aber eigentlich nur fliehen aus der Tiefe des Uns. Das erkanntest Du nicht.

Dir fielen die Schuppen erst von den Augen, nachdem Du alles hattest. Sie und mich. Spät. Verletzend. Eine Verherrlichung Deines Egos. Heute argumentierst Du sehr rational, findest für alles eine Entschuldigung. Vergisst, dass es weniger um Schuld als um Liebe, Respekt und Vertrauen geht. Formulierst den Wunsch, zu vergessen, sich füreinander zu entscheiden, gemeinsam weiterzugehen und bringst mich ins Schleudern. Kann ich Dir vertrauen? Kann ich verzeihen? Werden wir wieder ein Wir? Wie wir waren? Gar besser als wir waren? Es spielt Herz gegen Verstand. Bisher hat Herz jeden Satz gewonnen. Doch war es ein Spiel mit knallhartem Bruch. Kein Knochen, aber ein tiefer Stich etwas weiter oben. Vielleicht sogar zwei.

Und nun?

Spiel, Satz, Sieg?

wolf

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